Günter Christian Möller

Günter Christian Möller - Autor

Der Autor wurde 1955 in einer kleinen Stadt in Schleswig-Holstein geboren und arbeitet mittlerweile in einem Hamburger Forschungsinstitut.

Statt einer Beschreibung, wie er ausgehend von der Kindheit über die Schule schließlich die berufliche Karriereleiter hinauftaumelte, hier ein kurzes berufliches Erlebnis. Es dokumentiert einen Versuch,  die deutsche Elementarteilchenforschung voranzubringen.

Das Telefon klingelt. „Hallo“, melde ich mich.

„Euer Sender geht nicht.“ Eine unangenehme Botschaft, denke ich.


„Kein Problem, bin schon unterwegs“, sage ich.

Den Quälgeist hätte ich erst einmal abgewimmelt. Aber mein Pflichtbewusstsein und meine Neugier treiben mich dann doch hinaus an die frische Luft.

Wenig später stehe ich im voll klimatisierten Raum und lausche dem monotonen Lärm.

Hier befindet sich eine Anlage von einem anderen Kontinent. Atlantis hieß er, glaube ich. Und diese Anlage war einst dazu da, das Versinken dieser Landmasse zu verhindern. Als man merkte, dass das Gerät den Zweck nicht mehr so ganz erfüllte, wurde sie umgebaut. Jetzt steht sie hier und hat einen neuen Sinn erhalten. Und es gibt nur wenige Menschen auf diesem Kontinent, die sich trauen, in den Innereien dieser Anlage herumzustochern. Aber meine in vielen Jahren harter Servicetätigkeit geschärften Sinne erfassen jede Unregelmäßigkeit.

Ich spüre eine ungewöhnliche Hitzeentwicklung ungefähr in Kniehöhe des zweiten Schrankes. „Autsch“. Früher konnte man da anfassen, ohne dass es sofort wehtat.

Plötzlich klingelt das Telefon.

„Ich habe gehört, dass der Sender nicht geht. Ist es etwas Ernstes“, fragt mein Chef. Genau in diesem Moment gibt es ein unangenehmes Geräusch und brauner Rauch dringt aus den Lüftungsschlitzen, wo ich eben eine ungewöhnliche Hitze festgestellt hatte.

Ich wende mich von diesem unangenehmen Szenario ab, denn ich gehöre zu den Menschen, die nicht multitaskfähig sind. Entweder ich telefoniere oder ich schaue mir die elektrischen Defekte in allen Details Stück für Stück an.

„Nein, ich glaube nicht. Jedenfalls ist es nicht die Regelung“, sage ich. Denn ich weiß, dass die Regelung ja oben im Schrank ist.

Erneut gibt es ein zischendes Geräusch hinter mir, ungefähr in Kopfhöhe.

Ein Kondensator oder ein IC, denke ich.
„Was war das“, fragt das Telefon.
„Eine Zange ist runtergefallen“, beschwichtige ich. „Na, ich sehe schon. Die Sache ist bei Ihnen in guten Händen“, meint das Telefon und ich lege erleichtert auf.

Ich drehe mich um und stelle erleichtert fest, dass alles noch da ist. Ein paar Leuchtdioden weniger, die da leuchten, doch was macht das schon. Nur der merkwürdige Brandgeruch in der Luft, der stört. Erst mal die Tür aufmachen und frische Luft reinlassen. So, und nun die systematische Fehlersuche. Den Schrank hinten aufmachen und reinschauen.

Zu blöd, der Schlüssel ist weg. Aber wir haben ja einen Schlüsselkasten. Ich probiere alle Schlüssel, aber keiner scheint zu passen.

Na, dann eben mit Gewalt, denke ich und drehe mit Kraft. 'Klack' macht es und der Schlüssel ist abgebrochen. Was nun, denke ich.

„Ringringring“, geht das Telefon.
„Hallo“, melde ich mich.
„Wie lange wird es denn wohl noch dauern“, fragt mich der Koordinator.

„Den Fehler habe ich schon eingekreist, jetzt muss ich ihn nur noch beheben“, sage ich großkotzig.

„Was ist es denn?“

„Es ist irgendwas unten im Schrank und oben ein Kondensator oder IC oder so was“, gebe ich meine Analyse preis.

„Aha“, sagt der Koordinator mitleidig.
„Brauchst du Hilfe?“
Ein Schlosser oder einen Schweißroboter, denke ich.

„Eigentlich habe ich es alleine schon schwer genug“, sage ich.

„Wie lange wird es denn noch dauern“, fragt der Koordinator.

„Fünf Minuten, vielleicht auch zehn. Wenn es ganz schlimm kommt, dann wird es länger werden.“

„Viel Erfolg", sagt das Telefon und legt auf.

 

Fast die Hälfte der Arbeitszeit geht mit Telefonieren drauf. Da muss die restliche Zeit gut durchorganisiert werden, sonst ist die Arbeit nicht zu schaffen. Also erst einmal einen Plan machen. Der Schrank muss auf, da hilft alles nichts.

Zehn Minuten später weiß ich, dass Atlantis nicht wegen schlechter Türen untergegangen ist. Das Wasser kann da nicht durch die Hintertür gekommen sein. Diese Tür ist gehen Schraubenzieher aller Größen immun. Ein letzter verzweifelter Entschluss. Der Kuhfuß aus der Tischlerwerkstatt muss her.

„Brauchst du Hilfe“, höre ich da hinter mir.

Der Meister aus unserer Gruppe ist gekommen. „Ich krieg die verdammte Tür nicht auf.“
Der Meister schaut sich die Tür genau an und sagt dann:
„Da ist unten ein Kabel eingeklemmt. Das kannst du von außen nicht sehen. Dadurch wird die Tür nach oben gedrückt und klemmt.“

Er nimmt mir den Schraubenzieher aus der Hand, drück ihn oben zwischen Tür und Rahmen. „Pling“ macht es und die Tür geht auf.

Ich will schon tief durchatmen, doch er sagt nur:

„Oh, das sieht aber übel aus. Ein Netzgerät aus Atlantis ist abgebrannt.“

„Das müssen wir auswechseln“, sage ich scharfsinnig. Doch der Meister macht ein finsteres Gesicht und meint pessimistisch:

„Das wird aber schwierig. Das Gerät ist mit 19/32stel Schrauben aus Atlantis unten befestigt. Und dafür haben wir kein Werkzeug.“

Meine Augen beginnen sich mit Tränen zu füllen, aber er fährt unerbittlich fort:

„Wir müssen den Schrank mit einer Ameise anheben, dann können wir mit einer Puksäge an die Schrauben heran und sie absägen. Erst danach können wir das Gerät nach vorne ziehen und auswechseln.“

Ich schlucke tapfer, aber innerlich zittere ich doch.

Eine Stunde später haben wir die Ameise und heben den Schrank vorsichtig an. Ein euphorisches  Hochgefühlt überkommt mich. Ja, wir sind wirklich gut.

Aber kaum hat das Netzgerät den Schrank verlassen, beginnt die Sache instabil zu werden. Der Schrank torkelt hin und her und – Rumms – wäre er fast umgekippt, gäbe es da nicht die elektrischen Leitungen, mit denen er noch seitlich am anderen Schrank festhängt.

Selbstverständlich haben wir vorher alles ausgeschaltet. Deshalb ist es uns unerklärlich, warum es vor uns zischt und pufft und hinter uns in den Sicherungsautomaten klickt und klackt. Ob wir den Hauptschalter für die falsche Anlage betätigt haben?

Dann leuchtet hinter uns ein gewaltiger Lichtblitz etwa zeitgleich mit einem rustikalen Knall. Kurz darauf schwappt Wasser über unsere Füße.

„Jetzt geht Europa auch noch unter“, denke ich, bis ich die Feuersirene höre.

Aus Sicherheitsgründen wurde dieser Serviceeinsatz damals abgebrochen und die nächste Ebbe abgewartet.

 

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